Aufarbeitung Lok 4

Orenstein & Koppel, 40 PS, Baujahr 1906

Über 100 Jahre alt und wieder unter Dampf – Lok 4 ist nicht nur ein technisches Denkmal, sondern auch ein Stück lebendige Geschichte der industriellen Feldbahnzeit. Nach einer mehrjährigen, aufwändigen Restaurierung kehrte sie 2024 in den aktiven Museumsbetrieb des Frankfurter Feldbahnmuseums zurück – als einer der ältesten betriebsfähigen Dampflok im Bestand. (2025)


Technisches Porträt

Gebaut wurde Lok 4 im Jahr 1906 bei Orenstein & Koppel in Berlin-Drewitz unter der Fabriknummer 2053. Sie gehört zur Bauart Bn2t – das bedeutet zwei angetriebene Achsen, Nassdampf und ein integrierter Wasservorratsbehälter (Tenderlok). Mit einer Leistung von 40 PS, einem Dienstgewicht von 8,8 Tonnen und einer Spurweite von 600 mm war sie wie geschaffen für den harten Einsatz im Feldbahnbetrieb.

Der Kessel arbeitet mit einem Druck von 12 bar, gespeist durch 0,4 Tonnen Kohle und 0,58 Kubikmeter Wasser. Die Steuerung stammt aus eigener O&K-Fertigung – eine sogenannte O&K-Patentsteuerung, während die Bremse als einfache Wurfhebelbremse ausgeführt ist.

Was ihr an Größe fehlt, macht sie durch Zweckmäßigkeit und Charakter mehr als wett.

Lok 4 im Jahr 1913. Vermutlich beim Bau der Bahnstrecke Altenhundem – Birkelbach. Sammlung Gerhard Moll (†)

Die lange Reise zurück auf die Schiene

Lok 4 blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Nachdem sie aus dem aktiven Dienst ausgeschieden war, stand sie 15 Jahre lang als Denkmal auf einem Spielplatz in Walldorf bei Groß-Gerau. Im März 1979 kam sie schließlich zum Frankfurter Feldbahnmuseum (FFM).

Nach 870 Arbeitsstunden kam Lok 4 am 4. Mai 1980 zum ersten Mal wieder zum Einsatz im Museumsbetrieb.

1993 wurde die Lok zur erneuten Restaurierung vollständig zerlegt und erhielt im Reichsbahnausbesserungswerk Meiningen einen neuen Kessel. Ende desselben Jahres kehrte sie wieder in den Betriebsdienst des FFM zurück.

Seit 2008 ist die Lok jedoch aufgrund defekter Kesselrohre abgestellt. Nach zehn Jahren Stillstand begann schließlich eine weitere umfassende Aufarbeitung – erneut in sorgfältiger Handarbeit und mit dem Ziel, Lok 4 ein weiteres Mal in den aktiven Betriebsdienst zurückzuführen.

In mühevoller Handarbeit wurde die Lokomotive vollständig zerlegt. Jedes Bauteil wurde geprüft, vermessen, überarbeitet oder neu gefertigt – von den Achslagern über das Gestänge bis hin zu den Anbauteilen des Kessels.

Das Fahrwerk erhielt neue Lagerbuchsen, die Kuppelstangen wurden angepasst und präzise eingestellt. Die Bremsanlage wurde komplett überholt. Besonders anspruchsvoll war die Wiedermontage der mechanischen Steuerung – hier war Fingerspitzengefühl gefragt, um die filigrane Mechanik mit der nötigen Präzision wieder zum Laufen zu bringen.

Auch die Puffer und der Führerhausaufbau mussten großflächig überarbeitet oder erneuert werden. Der ursprüngliche Charakter der Lok blieb dabei stets erhalten – allerdings in neuem Glanz und technisch auf dem Stand heutiger Sicherheitsanforderungen.


Der Kessel – Herzstück unter Hochdruck

Den Auftakt der Aufarbeitung bildete der Kessel – das Herzstück jeder Dampflokomotive. Im Fokus stand der Austausch der Kesselrohre, der vollständig in eigener Werkstatt durchgeführt wurde. Dabei konnte nicht nur wertvolle Substanz erhalten, sondern auch Wissen an die jüngere Generation weitergegeben werden, die unter Anleitung direkt am Objekt lernen konnte. Die Schweißarbeiten an den neuen Rohren übernahm eine Fachfirma vor Ort, wodurch höchste Qualität und Sicherheit gewährleistet wurde.

Im gleichen Zuge erfolgte die Begutachtung des Kessels durch den zuständigen Sachverständigen. Parallel dazu wurden alle Armaturen des Kessels untersucht, überarbeitet und verbessert. Eine Besonderheit stellte der fehlende Dampfverteiler dar – da die Lokomotive bei ihrer Übernahme als Denkmal keinen mehr besaß, war bereits in früherer Zeit ein Ersatzverteiler eines Henschel-Typs „Fabian“ beschafft worden. Im Rahmen der jetzigen Aufarbeitung wurde dieser mit typischen Henschel-Handrädern ausgestattet. Zudem mussten die Ventilspindeln vollständig neu gefertigt werden.

Die Injektoren, die in den 1990er Jahren noch direkt bei der Firma Körting überarbeitet worden waren, befanden sich in einem nahezu neuwertigen Zustand und konnten ohne größeren Aufwand übernommen werden. Ergänzend wurde dem Kessel eine neue Ablassmöglichkeit für das Kesselwasser an geeigneter Stelle hinzugefügt, um Wartungsarbeiten künftig zu erleichtern und den sicheren Betrieb weiter zu verbessern.


Fahrwerk – Fundament der Bewegung

Das Fahrwerk wurde zu Beginn der Arbeiten vollständig sandgestrahlt, um den Zustand der Substanz präzise beurteilen zu können. Dabei zeigte sich, dass der Rahmen grundsätzlich in einer sehr guten Ausgangslage war. Dennoch brachte die Geschichte der Lok eine Besonderheit mit sich: Während ihrer Einsatzzeit auf dem Staudammgleis in Finnland erlitt sie einen Unfall, infolgedessen der Rahmen bereits damals instand gesetzt wurde. Im Zuge dieser Reparaturen wurde mindestens ein neuer Zylinder verbaut – eine Maßnahme, die sich bis heute als solide erwiesen hat.

Ein typisches Merkmal dieses O&K-Typs ist der Rahmen mit integrierten Wasservorräten. Von Anfang an war klar: Die originalen Bodenbleche mussten ausgetauscht werden, um eine langfristige Haltbarkeit sicherzustellen. So wurden neue Bodenbleche sowie ausgelaserte Mannlöcher eingebaut, die künftig eine bessere Kontrolle und Reinigung ermöglichen. Darüber hinaus erhielt die Lok ein neues Verbindungsrohr zwischen den beiden Wasserkammern – ebenfalls eine Maßnahme für Betriebssicherheit und Langlebigkeit.

Neben den üblichen Lackarbeiten am Fahrwerk wurde eine neue Front gefertigt. Die Pendelkupplung wurde überarbeitet, umgebaut und mit neuen Bolzen versehen. Auch neue Bremsklötze wurden montiert. Viele weitere Arbeiten, oft unscheinbar und im Alltag leicht zu übersehen, wurden mit großem Aufwand erledigt – es ist rückblickend beeindruckend, wie viele kleine Handgriffe und Entscheidungen notwendig waren, um das große Ganze wieder in Bewegung zu bringen.

Die erste Probefahrt – ein Gänsehautmoment

Im Spätsommer 2024 war es so weit: Das erste Mal Dampf, das erste Zischen der Ventile, das erste Anrollen. Unter den Augen der Werkstattmannschaft und einiger Vereinsmitglieder setzte sich Lok 4 vorsichtig in Bewegung.

Und als sie dann im September auf den „Tagen der Verkehrsgeschichte“ erstmals wieder Züge über die Gleise im Rebstockpark zog, war klar: Die Mühe hatte sich gelohnt.

Seitdem steht sie wieder regelmäßig unter Dampf – und erfreut Besucherinnen und Besucher bei öffentlichen Fahrtagen nicht nur als technisches Exponat, sondern als aktives Glied im lebendigen Museumsbetrieb.


Fazit: Klein, aber voller Geschichte

Lok 4 ist ein Paradebeispiel für das, was mit Engagement, technischem Sachverstand und Geduld möglich ist. Aus einem rostigen Wrack wurde ein betriebsfähiges Denkmal, das nun wieder zeigt, wie sich 40 PS unter Dampf anfühlen – mit Zylinderklang, Rauchfahne und dampfendem Sicherheitsventil.

Eine kleine Lok mit großer Ausstrahlung – und ein echtes Schmuckstück des Frankfurter Feldbahnmuseums.


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